Fruchtgräben: Anbau von subtropischen Pflanzen bei Minusgraden
Es gab drei entscheidende Gründe, warum es trotzdem gelungen ist, Zitrusfrüchte in Regionen anzubauen die als vollkommen ungeeignet betrachtet wurden (und werden):
Erstens wurden gezielt besonders kälteresistente Pflanzen gezüchtet.
Zweitens wurden die Pflanzen ohne Kompromisse zurück gestutzt, um Kälte, Hitze und Wind besser widerstehen zu können, was schlussendlich zu kriechenden Zitrusbäumen führte, die bloß 25 cm hoch wurden.
Drittens wurden auch außergewöhnliche Anbauorte genutzt; nennenswert ist hier der Anbau in zwei Meter tiefen Gräben.
In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bauten sowjetische Zitrologen (sub)tropische Pflanzen in Regionen mit bis zu -30 °C kalten Wintern an, dies im Freien, ohne Nutzung von Glas oder fossilen Brennstoffen.
Zitrusfrüchte (z.B. Organgen, Mandarinen, Grapefruits, Zitronen, Limetten, Pampelmusen oder Tangerinen) gehören zu den wertvollsten Anbaufrüchten im Welthandel. Da die Pflanzen sehr kälteempfindlich sind, gedeihen sie nur im tropischen oder subtropischen Klima. Außerhalb dieser Klimazonen werden sie heute nur in fossil beheizten Gewächshäusern angebaut.
Anders in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In dieser Zeit wurden Zitrusfrüchte in der Sowjetunion weitab der (Sub-)Tropen angebaut. Und zwar ganz ohne Glas oder Beheizung, in Regionen wo es bis zu -30 °C kalt werden kann.
Im Jahr 1950 erstreckten sich die Zitrusplantagen in der Sowjetunion über sage und schreibe 30.000 Hektar und sollen einen jährlichen Ertrag von 200.000 Tonnen Früchten gebracht haben.
Wie kam es zur Ausbreitung der Produktion von Zitrusfrüchten in der UdSSR?
Noch zur Zeit des ersten Weltkrieges wurden im gesamten Zarenreich gerade einmal 160 Hektar Zitruspflanzen bewirtschaftet, größtenteils an den Küsten Westgeorgiens. Die Region verdankt ihre milden Winter der Nähe zum Schwarzen Meer und dem Kaukasus, welcher im Winter die eisigen Winde aus den russischen Ebenen und Westsibirien abschirmt.
Trotz allem ist das Klima dort bei Weitem nicht perfekt für den Anbau von Zitrusfrüchten: Zwar liegt die Durchschnittstemperatur im Winter über 0 °C - Sie fällt aber teils auf Werte zwischen -8 und -12 °C. Doch selbst kurzer Frost stellt eine tödliche Gefahr für Zitruspflanzen dar. In Florida(USA) reichte Ende des 19. Jahrhunderts eine kurze Periode mit Temperaturen zwischen -3 und -8 °C um nahezu alle Zitrusplantagen zu zerstören.
In den 1920er Jahren begann Russland seine Anbauflächen für Zitrusfrüchte in Regionen auszuweiten, die sogar noch weniger geeignet schienen als am Schwarzen Meer. Anfangs wurde begonnen weiter westlich der Küste anzubauen, obwohl die Temperatur dort auf bis zu -15 °C sinken kann, da der Schutz des Kaukasus wegfällt. So gelangte man bis an die Südküste der Krim und nach Sotschi, was viele vielleicht noch von den Olympischen Winterspielen 2014 kennen. Zeitgleich wurde Richtung Osten, bis an das Kaspische Meer in Aserbaidschan expandiert.
Als nächstes wurde der Anbau in Regionen vorangetrieben, in denen es im Winter bis zu -20 °C kalt werden kann und der Boden bis in 20 - 30 cm Tiefe frieren kann, wie z.B. Dagestan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan und südliche Teile der Ukraine und Moldawiens. Und nicht genug, zum Ende wurden Zitruspflanzen auch nördlich der obigen Gebiete angebaut, obwohl dort Temperaturen auf -30 °C fallen und der Boden einen halben Meter tief gefroren sein kann.
Und Frost war nicht das einzige Widrigkeit, der getrotzt werden musste. Hinzu kamen extreme Hitze und trockene Winde im Sommer.
Von Importabhängigkeit zur Selbstversorgung
Vor dem ersten Weltkrieg importierte Russland nahezu alle Zitrusfrüchte. Zitronen kamen zum Großteil aus Sizilien, Orangen aus Palästina. Dies summierte sich zu circa 20 bis 30 Tausend Tonnen Früchte pro Jahr, ein Drittel davon Zitronen, die in Russland traditionellerweise zum Tee serviert werden.
Im Anschluss an den Bürgerkrieg und die Russische Revolution 1925 wurde der Zitrusfrucht-Anbau Aufgabe der Planwirtschaft. Es entstanden mehrere Forschungseinrichtungen und -gärten sowie Testfelder in über 50 Regionen, da die Kommunistische Partei entschlossen war unabhängig von Zitrusfruchtimporten zu werden.
So wuchs die Anbaufläche bis 1940 auf 17.000 Hektar, die einen Ertrag von 40.000 Tonnen pro Jahr lieferten. Die früheren Importe beliefen sich damals auf ca. die Hälfte dessen. Bis zum Jahr 1950 hatte sich die Fläche auf 30.000 Hektar erhöht (davon 56% Mandarinen-, 28% Zitronen- und 16% Orangenbäume) und der Ertrag auf 200.000 Tonnen pro Jahr verfünffacht.
Der hohe Anteil an Mandarinenbäumen erklärt sich dadurch, dass diese besonders unempfindlich gegen Kälte sind. Sie halten Frost bis zu -2 °C aus - im Gegensatz zur Zitrone, der kälteempfindlichsten der Zitrusfrüchte.
Es gab drei entscheidende Gründe, warum es trotzdem gelungen ist, Zitrusfrüchte in Regionen anzubauen die als vollkommen ungeeignet betrachtet wurden (und werden): Erstens wurden gezielt besonders kälteresistente Pflanzen gezüchtet. Zweitens wurden die Pflanzen ohne Kompromisse zurück gestutzt, um Kälte, Hitze und Wind besser widerstehen zu können, was schlussendlich zu kriechenden Zitrusbäumen führte, die bloß 25 cm hoch wurden. Drittens wurden auch außergewöhnliche Anbauorte genutzt; nennenswert ist hier der Anbau in zwei Meter tiefen Gräben.
“Progressive Frostanpassung“
Importierte Zitruspflanzen überlebten in Russland nur an wenigen isolierten Orten entlang des Schwarzen Meeres, da dort ein besonders mildes Klima herrschte. Um die Pflanzen an die Kälte anzupassen, nutzten die sowjetischen Zitrologen eine Methode, die “Progressive Frostanpassung“ (progressive cold-hardening)[^1] genannt wird. Mit dieser Strategie die ursprünglich für Aprikosen und Wein entwickelt wurde, konnten sie neue Variationen züchten die an die lokalen Umweltbedingungen angepasst waren.
Die Methode bestand darin, die Samen von besonders geeigneten Bäumen ein kleines Stück weiter nördlich einzupflanzen und wiederum darauf zu warten, dass diese Samen trugen. Durch stetige Wiederholung dieses Prozesses gelang es langsam aber sicher, die Züchtungen unter immer schwierigeren klimatischen Bedingungen gedeihen zu lassen. So gelang es, in Rostow heimische Aprikosen auch im 650 km nördlich gelegenen Mitschurinsk anzubauen, indem Samen gezüchtet wurden die speziell an das dort herrschende Mikroklima angepasst waren. Versuche, die Samen aus Rostow direkt in Mitschurinsk zu pflanzen, verliefen hingegen erfolglos.“
Die Beobachtung, dass junge Pflanzen sich nach der Aussaat an die herrschenden Bedingungen anpassen, wurde auch auf Zitrusfrüchte angewandt. Die Erfolge ließen sich sehen: Die Pflanzen lieferten weiterhin gute Erträge und qualitativ hochwertige Früchte. Neben dem Progressiven Frostanpassen sammelten russische Zitrologen ab 1929 systematisch kälteresistente Varianten die sie dann mit lokal ansässigen Pflanzen kreuzten. Ermöglicht wurde dies durch eine umfangreiche Saatbank, die nahezu alle Pflanzen der Gattung Zitrus enthielt.
Zwerg- und Halbzwerg-Zitrusbäume
In den weltweit üblichen Anbaugebieten wurden Zitrusfrüchte so gut wie nie gestutzt. Renommierte Botaniker wie z.B. Harold Hume rieten stark davon ab, Heckenscheren auch nur in die Nähe dieser Pflanzen zu lassen.
Für den Anbau in Russland hingegen, war das Stutzen wichtige Voraussetzung. Dadurch konnten die sonst fünf Meter großen Zitronen- oder 12 Meter großen Orangenbäume auf eine geringere Höhe gebracht werden. Schon vor den 1920er Jahren arbeiteten die Russen mit Zwerg- und Halbzwerg-Zitronenbäumen, die gerade einmal ein bis zwei Meter groß waren. Diese wurden weiter gestutzt um noch kompaktere Kronen zu haben.
Davon versprachen sich zwei Vorteile: Erstens sind Temperaturschwankungen und Windgeschwindigkeiten am Boden bedeutend niedriger und zweitens lassen sich kleine Bäume besser vor Witterungseinflüssen schützen. Zu Beginn der Kultivierung wurde auf den meisten Plantagen in Terrassen- oder Stufenfeldern angebaut.
Abbildung: "Sammeln von Tangerinen auf der staatlichen Chavka Farm", ein Gemälde von Mikhail Beringov, um 1930
Im Winter mussten die einzelnen Zitronenbäume mit einem Gestell aus kleinen Pfählen, an denen Mulltuch oder Strohmatten angebracht waren, geschützt werden. Außerdem wurde die gesamte Plantage mit Windschutzvorhängen umgeben, um die im Winter kalten und im Sommer trockenen und heißen Winde abzuschwächen. Die Vorhänge sorgten zusätzlich dafür, dass kühlere Luft aus bergigen Gebieten oberhalb der Pflanzungen um diese herum wehte.
Um noch besseren Schutz gegen Kälte und Wind zu erreichen, wurden die Zitrusbäume sehr nah beieinander gepflanzt - bis zu 3000 auf einem Hektar Land. Der extrem starken sommerlichen Hitze wurde begegnet, indem die obersten Blätter mit weißer Kalkfarbe besprüht wurden, was deren Temperatur um 4 °C absenkte. All diese Methoden würden auch bei größeren Zitrusbäumen funktionieren. Aber wenn die Pflanzen nur ein bis zwei Meter groß sind ist die Umsetzung dementsprechend weitaus einfacher und günstiger.
Kriechende Zitrusbäume
Um den Anbau von Zitrusfrüchten an der gesamten Küste des Schwarzen Meeres zu ermöglichen, war es nötig, die Pflanzen besonders flach wachsen zu lassen. Dies wurde erreicht, indem die Bäume in eine kriechende Form gestutzt wurden, sodass sie lediglich 25 cm groß wurden.
Es gab zwei Wege, die Krone von kriechenden Zitruspflanzen zu formen. Entweder war der Stamm bereits schräg geneigt, wenn er den Boden verließ. Dann formten die Hauptäste der Krone eine Art Fächer der samt den Früchten den Boden berührte. Oder es wurde ein zehn bis 15 cm großer Stamm senkrecht stehen gelassen um den herum die Hauptäste parallel zum Boden wuchsen, was dem Ganzen ein spinnenartiges Aussehen gab. In diesem Fall berührten die Früchte nicht den Boden, was sich als die erfolgreichste Methode zeigte.
Kriechende Zitronenbäume boten noch besseren Schutz gegen Wind und Wetter als Zwerg- und Halbzwergbäume, da unter der niedrigen Krone ein Mikroklima entstand, das die Hitze im Sommer ebenso wie die Kälte im Winter abmilderte. Tests über einen Zeitraum von zehn Jahren zeigten, dass im Winter die Luft auf Höhe der kriechenden Krone im Durchschnitt 2,5 °C bis 3 °C wärmer war als die Luft zwei Meter höher. Umgekehrt konnte es in heißen Sommern am Boden teils bis zu 20 °C kühler sein als über der Krone.
Genauso effektiv zeigte sich der Schutz vor dem Wind. Die Windgeschwindigkeiten in zwei Metern Höhe betrugen im Schnitt 10,4 Meter pro Sekunde; im Gegensatz zu durchschnittlich 1,8 Metern pro Sekunde auf Höhe der kriechenden Zitronenbäume. Dadurch konnte der Austrocknung der Krone entgegen gewirkt werden, was auch zu geringerem Wasserverbrauch führte.
Die winzige Größe der kriechenden Pflanzen machte es logischerweise um einiges einfacher sie gegen die Elemente zu schützen. Dies zeigte sich erfolgreich im Winter 1942/43, als die Temperaturen an der Küste des Schwarzen Meeres auf -15 °C sanken. Während kriechende Bäume, umgeben von zwei Lagen Mulltuch und Windschutzvorhängen, keinerlei Schaden nahmen froren ähnlich geschützte Bäume mit größerem Stamm bis zu den Wurzeln ein.
Überraschenderweise hatten die kriechenden Zitronenbäume höhere Erträge als die Halbzwerg-Varianten. Die Zitronen wurden schneller reif und die Pflanze trug, insbesondere in den ersten Jahren, mehr Früchte.
Anbau von Zitrusbäumen in Gräben
Trotz aller Bemühungen war keine der oben beschriebenen Methoden ausreichend, um Zitrusfrüchte in Regionen anzubauen wo der Boden gefroren war und winterliche Temperaturen von unter -15 °C herrschen konnten. Deshalb wurden Zitruspflanzen dort in Gräben angebaut, wodurch Bodenwärme die Pflanzen vor Frostschäden schützte. Dies war natürlich nur mit Zwergpflanzen und kriechenden Pflanzen praktikabel, wobei letztere häufiger genutzt wurden.
Die Tiefe der Gräben variierte abhängig von der Temperatur im Winter, wie tief der Boden einfror und dem Grundwasserpegel zwischen 0,8 und 2,0 Metern. Es gab ein- und doppelreihige Gräben. Die einfach bepflanzten Gräben waren unten ca. 2,5 und oben 3,0 Meter breit, bei den doppelt bepflanzten waren es ca. 3,5 und 4,0 Meter. Die sich ergebene Trapezform wurde fast überall gebaut, da so mehr Licht an die Pflanzen gelangte.
Manchmal war es notwendig die Wände mit Lehm, Backstein oder Feldsteinen zu verstärken. Innerhalb der Gräben hatten die Pflanzen 1,5 Meter Abstand zueinander; bei doppelreihiger Pflanzung wurden sie versetzt gepflanzt. Die Länge der Gräben wurde von den Untergrundgegebenheiten abhängig gemacht und betrug maximal 50 Meter.
Die Gräben wurden auf ebenerdigen Flächen oder leichten Hängen und von Osten nach Westen angelegt, um in den Wintermonaten eine möglichst optimale Sonneneinstrahlung zu erreichen. Der Abstand zwischen den Gräben betrug drei bis fünf bzw. vier bis sechs Meter, je nachdem ob ein- bzw. doppelreihig gepflanzt wurde. Verbindungsgänge zwischen den Gräben erleichterten die Arbeit an den Pflanzen.
